Bildsammlung eines Verschickungsheims.

Die Verschickungskinder – ein verdrängtes Kapitel unserer Geschichte

Was unter „Verschickung“ verstanden wird

Zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren wurden in Deutschland Millionen Kinder in sogenannte Kinderkuren oder Verschickungsheime geschickt. Offiziell sollten sie sich dort erholen, Kraft sammeln und „gesund werden“. Doch für viele bedeutete die Zeit in diesen Heimen etwas anderes: Angst, Einsamkeit, Demütigungen – und nicht selten auch Gewalt. Statt Geborgenheit erlebten die Kinder Kontrolle, Strenge und ein Umfeld, das kaum Raum für Wärme oder Zuwendung ließ.

Heute wissen wir: Rund 8 Millionen Kinder waren betroffen. Für viele hat sich die Erfahrung tief ins Gedächtnis eingebrannt – als ein Stück Kindheit, das nicht heil war, sondern geprägt von Verlust und Sprachlosigkeit.

Oliver Herrmanns persönliche Geschichte

Auch ich, Dr. Oliver Herrmann, war eines dieser Kinder. Mit fünf Jahren wurde ich weit von Zuhause fortgeschickt – in ein Heim, in dem Wochen voller Angst, Heimweh und Misshandlung meinen Alltag bestimmten. Die Trennung von meiner Familie, das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein, und die ständige Strenge der Erzieher haben Spuren hinterlassen. Lange habe ich geschwiegen, weil es mir unmöglich erschien, diese Erfahrung in Worte zu fassen. Erst viel später wurde mir bewusst, dass ich Teil einer großen Gruppe bin: Millionen Menschen, die ähnliches erlebt haben, aber oft nie darüber gesprochen haben.

Was in den Verschickungsheimen geschah

Die Zustände in vielen Verschickungsheimen waren erschütternd. Kinder wurden mit starren Regeln und oft mit Gewalt erzogen. Körperliche Züchtigung, Demütigung und seelische Grausamkeiten gehörten für viele zum Alltag. Wer Heimweh hatte oder weinte, wurde bestraft. Der Kontakt zur Familie war streng reglementiert und oft auf ein Minimum beschränkt.

Hinzu kamen massive Übergriffe: Manche Kinder wurden medizinisch misshandelt, andere mussten Zwangsmaßnahmen über sich ergehen lassen. Es gibt Berichte über Medikamentenversuche, Verabreichung von Psychopharmaka oder überdosierte Beruhigungsmittel – ohne Wissen oder Einverständnis der Eltern. Essen wurde als Strafe entzogen oder erzwungen, und nicht selten wurden Kinder isoliert, wenn sie auffielen oder widersprachen.

Diese Erfahrungen haben tiefe Narben hinterlassen. Viele Betroffene sprechen von einem Vertrauensbruch, der bis ins Erwachsenenalter nachwirkt – in Beziehungen, in ihrem Selbstbild und in ihrem Vertrauen in Institutionen.

Warum Aufarbeitung so wichtig ist

Erst in den letzten Jahren hat das Thema mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Immer mehr ehemalige Verschickungskinder melden sich zu Wort und schildern, was sie ertragen mussten. Ihre Stimmen sind eindringlich und zeigen, wie viel Leid in diesem Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte verborgen liegt.

Die Politik hat reagiert: Im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung ist die Aufarbeitung des Themas ausdrücklich festgeschrieben. Es ist ein wichtiger Schritt, doch wirkliche Heilung kann nur dann entstehen, wenn die Geschichten der Betroffenen gehört und ernst genommen werden.

Mein Anliegen als Autor

Mit meinem neuen Buchprojekt Die Dohle Anton möchte ich diese Erfahrungen literarisch aufgreifen. Es ist mein Versuch, das Unsagbare in eine Sprache zu fassen, die Menschen berührt und das Schweigen bricht. Ich schreibe schonungslos gegenüber dem, was geschehen ist – und zugleich mit der Hoffnung, dass Betroffene sich verstanden fühlen und neue Perspektiven entstehen können.

Mir ist es ein Herzensanliegen, dass die Geschichte der Verschickungskinder nicht länger verdrängt bleibt. Sie gehört aufgearbeitet – für die Kinder von damals und für die Kinder von heute, die es verdient haben, geschützt, geliebt und ernst genommen zu werden.

Weiterführende Informationen und Anlaufstellen zu Verschickungskindern

Wer mehr über das Thema erfahren möchte oder selbst betroffen ist, findet hier hilfreiche Quellen und Initiativen:

  • Bundesinitiative Verschickungskinder e. V.
    www.verschickungsheime.de
    Zusammenschluss von Betroffenen, die Aufklärung, Vernetzung und Unterstützung anbieten.

  • Bundesverband Verschickungskinder
    www.verschickungskinder.de
    Informationen, Zeitzeugenberichte und politische Arbeit zur Anerkennung des erlittenen Unrechts.

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